Quinénes rief Finara herbei und fragte sie, was der Welt noch fehle. Finara schaute zu den Hordo auf und schwieg.
Trestolt schritt zu ihr hinab: "Unter all der Vergänglichkeit, ist das fehlende Glied dieser Welt eines, das vergänglicher ist, als Leben und Leiden. So traurig dies klingen mag, ist neben dem Feuer und der Sonne, dieses eine Wort heißer und manch einmal auch unbarmherziger als alles andere, das wir kennen."
"Onkel? Ihr meint ein Kind aus meinen Gedanken, welches schon seit Dekaden in mir reift?"
Trestolt blickte zustimmend auf seine Nichte hinab.
"Mindraa, die Göttin der Liebe, wird es sein, die das letzte Glied der Kette auf Noridan schließt. Unter allen Göttern wird sie eine der Schwächsten werden, die Zeit hat es mir verraten, aber unten in Noridan, wird sie die Elverra bezaubern. Sie wird schön sein und gebieterisch, anmutig und zart."
Finara sah sich in den Worten Trestolts bestätigt und ging hinab an die Küste Roduras'. In einer seichten Bucht, einer Bucht, die der ihrer eigenen Geburtsstätte von damals glich, gebar Finara ihre Tochter Mindraa, die Göttin der Liebe. Unter all den Wesen auf Roduras war sie, neben der schönen Quinénes, die Schönste von allen.
Quinénes sah ihre Tochter lieblich an und in ihrem Blick stand Glückseeligkeit und Zufriedenheit, denn die Worte Trestolts klangen weise und zuversichtlich. Mindraa, dem war sie sich sicher, würde etwas auf Noridan absetzen, was kein Gott bis zu dieser Zeit geschafft hatte. Unter ihrer zarten Hand würden Thranduils Kinder Glück und Geborgenheit erleben.
Fern ab des Throns der Hordo stand Zebadian allein zwischen den Fluten des Meeres und sah, wie Epit und Yavalet nach Süden flogen. Er erkannte die Kinder und Kothnun, sein zweiter Sohn berichtete ihm, wer die beiden Geflügelten waren.
"Ein Herr der Kunst, Musik und Poesie ist er?"
"Ja Vater", entgegnete Kothnun. "Er bringt alle Künste auf die Welt, um sie den Elverra zu lehren."
Zebadian erzürnte, denn er wusste, dass diese Kinder nur Trestolt entstammen konnten.
"Alle Künste, dass ich nicht lache. Was machen die Elverra mit Musik und Malerei? Wollen sie sich ihre Häuser ersingen, ihre Boote erdichten?"
Der Gott der Stärke war wütend darüber. Hatte sein Bruder wieder allein an die Blütenblätter gedacht. Die Wurzeln der Blume hatte Trestolt vergessen.
"Epit, der Herr der Musik", wiederholte Zebadian den Namen des Gottes spöttisch.
Der Gott der Stärke ergriff seinen Hammer der Schöpfung, mit dem er damals schon unter jahrelanger Arbeit Frieden, Gerechtigkeit und Herrschaft schuf und schlug auf den harten Stein seiner Höhlen ein. Der Donner drang durch das Land und die beiden Hordo, die weit entfernt auf dem Thron saßen, hörten das wütende Grollen.
Zebadian schuf unter geschwundener Geschicklichkeit mit dem linken Arm Uron, den Herrn der Jagd und Hallwar, den Gott des Handwerks und schickte sie nach Süden. Dann stürmte der Gott der Stärke mit Kisthada in der Hand zu seinem Thron.
"Trestolt", schrie er den Berg hinauf. "Warum nennt man dich weise, wenn du voller unüberlegter Taten steckst? Siehst du den Stier dort über die See laufen, dem der Widder folgt? Ich habe deine Schöpfung ergänzen müssen?"
Trestolt erhob sich in die Luft. "Bruder, du denkst ich vergaß deine Künste, um Streit mit dir zu suchen? Unter all der Trauer, die ich leiden musste, erwachte Epit ohne meinen Willen und du warst fern, um ihm von deiner Kunst zu geben."
"Rechtfertigungen, die ich nicht hören will." Zebadian lenkte nicht ein. Es entfachte ein neuer Streit unter den Hordo und selbst Quinénes blieb ungehalten und stürmte auf ihre Brüder los, als auf einmal ein ohrenbetäubender Donner die Geschwister auseinander trieb.
Die Hordo blickten den Berg hinab. Uron und Hallwar waren am Horizont verschwunden und unten an der Küste stemmte sich ein Untier aus der Flut, dessen Blick langsam die Hänge hinaufkletterte. Mit einem gewaltigen Schrei zerbarsten die Throne hinter den Hordo und flogen in tausend Teilen hinaus in das Meer. Das Wesen tief unten stieß seine gewaltige Faust in den Berg und erneut bebte Roduras.
"Ich, Gohoorn bin gekommen, meine Freunde." Er, Gohoorn war ein hoher, kräftiger Körper, der gebückt aus der See gekrochen kam. Trotz dieser Haltung überragte er die Hordo. Solch eine Größe musste Thranduil erreicht haben, bevor er starb.
"Ihr blickt engstirnig auf die Welt dort unten und keinem entgeht euer Leid. Der ewige Streit der Hordo ist selbst in Jurerg, meinem Land im Westen, noch zu hören."
Der Fremde schritt leichtfüßig zum Gipfel hinauf und blickte den drei Geschwistern in die Augen. Als er Quinénes sah, hob er die Hand und strich ihr durch ihr weißes, langes Haar.
Plötzlich stieg Trestolt in den Himmel und stürzte auf den Eindringling nieder. Er riss ihn um und beide fielen tief in die Buchten der Insel. Im Vergleich zu dem Fremden, war der Gott der Zeit ein Kind. Zebadian, der nicht lange wartete, ergriff Kisthada, die Lanze Thranduils und sprang hinunter, wo sein Bruder erbittert kämpfte. Mit einem kräftigen Stoß traf der Gott der Stärke, der Hordo, der dem Gottvater aus der Faust stieg, Gohoorn in sein linkes Auge. Der Fremde schrie und machte sich vom festen Griff Trestolts los, floh und verschwand in den hohen Wellen.
Im Süden breitete sich Licht am Horizont aus und vor dem hellen Himmel tauchten die Form eines Stieres und die eines Widders auf. Uron und Hallwar kehrten von Hast getrieben zurück. Hinter ihnen kletterten langsam Epit in seiner leuchtenden Form und Yavalet, der Gott des Glücks den Himmel empor und folgten den Kindern Zebadians.
Alle vier Götter kehrten in Roduras ein und Hallwar sprach mit tiefer Stimme: "Aus den Bergen Noridans kamen sie gekrochen. Es waren Untiere. Des Nachts, unter Tigwas Obhut, streiften unförmige Wesen verschiedenster Formen über die Erde und gruben sie auf. Sie überfielen die Elverra und töteten Tier und Pflanze. Selbst die größten Bäume der Welt hielten ihnen nicht stand."
"Orks und Trolle", sprach Uron. "So hatten die Elverra die Fremden genannte."
Quinénes spürte einen bitteren Schmerz in ihrer Brust. Die Erde wurde geschändet.
Zebadian ahnte, dass unter Trauer, Glück, Streit und dem Stolz, den die Hordo immer wieder spürten, im Westen etwas heranreifte, was sie nicht sahen. Und Gohoorn war ihr Herr, der Gott der Untiere und er war stark.
Trestolt, der mit ihm kämpfte erlitt tiefe Wunden von seinen Bissen und Schlägen.
Die Hordo hatten keine Acht gegeben und nun, da sie dachten, die Wogen des Streites wieder geglättet zu haben, kam eine Bedrohung auf sie zu, derer sie vielleicht nicht gewachsen waren.
Ganalad betrachtete alles aus einem dunklen Schlupfwinkel heraus und er sah den Fremden Gott, als er im Meer verschwand. Er trat aus seinem Versteck heraus und sprach zu den Hordo: "Ihr Hordo, hört mich erneut an."
Der verletzte Trestolt, Zebadian mit Kisthada in der Hand und Quinénes, Ganalads Mutter, erschraken, als der Gott des Todes aus dem Berg erschien.
"Gerechtigkeit wohnt auch mir inne und die Orks, wie sie die Elverra nennen, das Gesindel, das sich um Gohoorn gesammelt hat, werden ebenfalls sterben müssen, wenn ihre Zeit gekommen ist. Darum weist Tigwa heute Nacht an, dunkler als je zuvor über die Welt zu wandern und haltet Lerot hinter dem Horizont. Ich werde allen den Splitter meines Herzens einsetzen, damit auch diese Lebenden dahingehen und sterben."
Ganalad war trotz seiner Boshaftigkeit weise und verstand die Kunst, das Gleichgewicht zu halten. Und daher geschah es, dass der Gott des Todes die Kinder Gohoorns sterblich machte und ganz Roduras konnte den mächtigen Schrei des Fremden von Westen her hören, der voller Wut durch die Luft drang.
Ganalad zog sich zurück und blieb wieder fern, denn Yamalsadena war sein zu Hause und die endlosen Debatten der Erz-Götter wollte er nicht hören. Doch als er zurück kam, nach Yamalpura, fand er Chon nicht wieder, der über viele Generationen bei ihm war. Chon war verschwunden und mit ihm waren die Schatten gegangen, die einst Trestolt erblickte, als er Ganalad zum Rat rief. Ganalad blieb still, denn nie fand jemand heraus, das der Gott der Krankheit bei ihm hauste. So wussten die Hordo nicht um Chon und die Schatten, die er mit sich nahm, blieben bis jetzt ein Geheimnis.