Roduras war gespalten. Trestolt, der Gott der Zeit, ging seinen eigenen Wünschen nach und seine Geschwister taten es ihm gleich. Ganalad, der schicksalhafte Sohn der Hordo, der tief unten in der Erde wohnte, hatte sich schon seit langer Zeit nicht mehr blicken lassen und unter den Himmelskindern herrschte Stille. Seine Stimme brach in der seichten Melodie und unter der Last seines Herzens begann es in Noridan zu regnen. Togar selbst, der Gott des Wetters, schlief. Sein Hammer ruhte auf seiner atmenden Brust. Er war nicht der Regen. Trestolt war es. Er weinte. Und so geschah es, dass die Stimmen beider Vater und Sohn hinauf trugen nach Roduras, zum Thron der Hordo. Dort ließ sich Trestolt nieder und sprach: "Epit, mein Sohn. Du sollst nicht mein Sohn der Trauer sein, sondern, da du aus dem Reim meiner Worte und dem Klang meiner Stimme entstanden bist, sollst du ein Gott der Kunst und der Musik sein. Gehe nach Noridan und singe der Welt ein Lied vom Glück."
Das Sterben auf Noridan wurde durch die Tochter Quinénes' und Zebandians, Finara, gelindert, denn die Tiere und Pflanzen, die schon viele hundert Jahre nicht mehr ewig waren, mehrten sich und bauten Generationen auf, die die Länder bereisten. Auch die Elverra begannen sich zu mehren. Sie nahmen Finaras Segen an und gediehen unter dem hohen Himmel. Aber unter ihnen waren viele, die sich entschlossen nach Norden zu reisen, um Roduras zu finden, das weite Land der Ruhe.
Trestolt, der schon ewige Zeit allein über den Tugenden der Welt saß und sie mit sanfter Hand bewahrte, begann irgendwann in seiner Einsamkeit ein Lied zu singen, dass weit hinauf zu seinen Geschwistern drang.
Und sanft die wilde See berührt.
Weit weg vom einz'gen Paradies,
Wo keiner mehr das Leben schürt.
Dort wohnte ich im hohen Hain
Der sieben Himmel glücklich - einst,
Dort will ich heut' auch wieder sein,
Wo Vater du, im Tode weinst.
Trauer legt sich langsam nieder.
Wehmut wächst in Noridan.
Die alte Zeit kehrt nicht mehr wieder,
Seitdem das Sterben jäh begann.
Das Lied ging über Roduras nieder wie ein seichter Schneefall. Quinénes und Zebadian sahen sich voller Vorwürfe an und selbst Ganalad tief unten in Yamalsadena, dem schwarzen Schloss, vergoss eine Träne.
Trestolt besang Noridan lang. Er trauerte Jahre um das Schicksal der Schöpfung des Gottvaters und verzweifelte beinahe.
Als das Lied zuende war und die Stimme des Hordo seicht in den unendlichen Meeren um Roduras verklang, stieg aus der tobenden Flut ein Wesen hervor. Durch die graue Oberfläche der See brach Epit, Trestolts Sohn der Lieder. Aus der Melodie des trauernden Erz-Gottes formte sich, tief unten in der unzähmbaren See, ein Herr der Kunst, der Poesie und der Musik. Mit lichtdurchfluteten Flügeln und einer goldenen Harfe in seiner Hand überflog Epit seinen Vater und stimmte sein Lied von neuem an.
Und sanft die wilde See berührt.
Weit weg vom einz'gen Paradies,
Wo keiner mehr ...
Trestolt erhob sich und stieg zu seinem neuen Sohn hinauf in den Himmel. In den Klang der lieblichen Stimme und dem Rausch der goldnen Harfe stimmte der Erz-Gott leise mit ein.
Wehmut wächst in Noridan.
Die alte Zeit kehrt nicht mehr wieder,
Seitdem das Sterben jäh begann.
Die Erde bebte als Trestolt die Worte aussprach und wieder tat sich die See auf. Im Rücken Epits, der seinen Vater anhörte, stieg ein Vogel aus dem Nichts auf, der sich weit in die Höhe reckte. Mit kräftigen Flügelschlägen und einem singenden, wohlklingenden Schrei stieß er weit in die Luft und ließ sich dann hinabfallen. Ohne Furcht vor dem Hordo, der gebieterisch aber erschrocken auf seinem Thron saß, setzte sich der Vogel nieder.
"Ihr habt nach mir gerufen, Vater, nach mir, Yavalet. Als ihr der Welt Glück gewünscht habt, habt ihr mich erschaffen."
Und so saßen Yavalet, der Gott des Glücks und Epit der Gott der Kunst vor den Füßen Trestolts, der beide nach Noridan ausschickte, um die Trauer tief unten zu beenden.
"Geht hin und lehrt die Welt von eurer Gunst! Sie wird euch anhören, denn ihr wird keine Wahl bleiben."
Quinénes riss sich bei dem fernen Schrei Yavalets von Zebadians Blick los und lief den Berg hinauf. Von weit unten sah sie ihren Bruder. Reinstes Licht glitt seicht die scharfen Kanten des Thronberges hinab und oben, auf dem Gipfel saß Trestolt gebieterisch vor seinen Söhnen, die ihn in einen hellen Schein der Hoffnung hüllten.
Quinénes war geblendet und kam nur schwer gegen diese Flut an, doch als sie den Thron erreichte, stiegen Yavalet und Epit auf und verschwanden am südlichen Horizont. Sie machten sich auf nach Noridan.
"Trestolt", schrie Quinénes. Ihr Blick biss sich tief in die Augen ihres Bruders. "Was hast du getan? Wen schickst du hinaus in die Neue Welt, ohne dass ich oder Zebadian weiß, wer sie sind?"
Trestolt schwieg und blickte weiter nach Süden.
"Trestolt!" Quinénes war wütend.
Plötzlich erklang vom Süden die Melodie von neuem. Der Klang Epits Stimme drang in das Herz der Göttin der Erde ein und erweichte es.
Trestolt richtete sich ohne Blick an sie: "Sie werden der Welt neue Hoffnung bringen, denn ich konnte das Vergehen der Schöpfung nicht mehr sehen. Epit und Yavalet, meine Söhne, haben sich aufgemacht, die Welt zu beleben. Thranduil hätte nicht gewollt, dass wir tief in Roduras sitzen und gedankenlos dem Ende entgegen sehen."
Quinénes senkte ihren Blick und eine Träne der Vernunft fiel schwer zu Boden.
"Doch wir waren nicht untätig, denn Myrméa, meine Tochter und Togar, Zebadians Schüler werden von uns gelehrt, die Welt zu hüten.
Trestolt, wir sollten uns auf machen und die wahren Belange Noridans zu ergründen, denn wir werden nicht ewig behutsam nach Süden blicken. Zebadian hat es zu aller Anfang schon einmal gesagt, dass neue Götter kommen werden, die nicht den Geist haben, die Welt zu tragen."
"Dann wird sie irgendwann verloren sein, unsere Welt", erwiderte Trestolt geistesabwesend. "Wenn keiner unserer Kinder mehr für dieses zerbrechliche Stück Glas sorgt", er zeigte mit ausgestrecktem Arm zum Horizont hin, wo seine Söhne gerade eben verschwunden waren, "dann vergeht es."
Quinénes setzte sich neben ihren Bruder und blickte ihn mit Bedauern an. Sie spürte in sich, dass die Erde Noridans aufatmete. "Deine Kinder tun Gutes." Ein warmes Gefühl stieg in ihr auf. "Wo bist du gewesen, Trestolt?"
Der Gott der Zeit sah seine Schwester an: "Weit im Süden steht ein Fels im Meer. Dort saß ich Jahre lang und sah dem Treiben der Elverra zu. Ich habe erkannt, was die Welt begehrt. Ein Wort fehlt den Elverra noch für ihr Dasein, denn nur durch dieses wird ihr Leben erträglich werden. Sie sind weise und voller Vernunft, sie sind klug und nachdem Yavalet seine Aufgabe getan hat, werden sie auch glücklich sein."
"Was fehlt ihnen noch, wenn sie glücklich sind?" Quinénes war verwirrt.
"Frage deine liebste Tochter, Finara, sie ahnt ihr Schicksal schon längst."