Der Weg der Götter I


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Quinénes, die verstand, was Ganalad meinte, wusste, dass Noridans Zukunft in der Entscheidung dieses Streits liegen würde und erhob sich weit in die Luft. Dann sank sie auf ihrem Pegasus hernieder, dort wo ihre Brüder um die Gunst der Schönen rangen. Sie trennte die Beiden und stieg vom Rücken des Tieres hinab.
"Ich kenne dich, Trestolt, und du weißt, dass ich dich liebe und damit du es mir glaubst, berühre meine Seele und halte mich fest, fester als du die Zeit an dich binden kannst."
Mit diesen Worten sank Trestolt in die Arme der Erde und Zebadian trat voller Zorn zu den beiden Liebenden. Doch er sah, was geschah und schüttelte Missmut und Eifersucht ab. An den Lippen Quinénes schlief Trestolt, der Gott der Zeit, der der Liebe verfallen war, ein. Die Zeit gefror ein zweites Mal. Selbst Ganalad erstarrte mit ihr und sah nur noch, wie die Schöne, die seine Mutter war, Trestolt sanft niederlegte und eine Träne über ihre Wange rann, die sich auf ihres Bruder schlafender Brust niederließ. Sie heftete ihren Blick an Zebadian und schritt ihm entgegen.
Die Wellen ruhten in hohen Wogen über dem ganzen Meer und ein durchdringender Ton der Vögel Noridans lag lang in der Luft, während sich Quinénes dem Schicksal der Neuen Welt hingab und Zebadian sein Verlangen nach der Schönheit der Göttin stillte.
Noch immer stand die Schöpfung still. Die Träne auf Trestolts Brust war schon längst getrocknet und Ganalad kniete noch immer dort, wo er zum Streit verharrte. Quinénes, unweigerlich behütet von der Stärke Zebadians, brachte Finara zur Welt. Das Kind, Tochter Zebadians, sollte dem stillschweigenden Ganalad entgegentreten und das Sterben auf der Welt beenden.
Im Zeitstillstand wandelnd, nahm die Göttin der Erde ihre Tochter in ihre Obhut und trug sie fort von deren Vater, über die Berge und Klüfte Roduras hinweg. Dort ging sie nieder in den weichen Wellen des Meeres und badete ihr Kind in einer Bucht, deren Wasser ein Spiegel zu sein schien. Quinénes blickte sich im Spiegel an und sah die Schmach in ihrem Gesicht vom Verrat an Trestolt, denn dieser liebte sie wahrlich. Aber sie hielt Finara in den Armen, die Göttin der Geburt und der Fruchtbarkeit und von Quinénes' Kindern war Finara es, die von ihr über alle Zeit wie ein Edelstein behütet wurde. Das Wasser in dem Finara gewaschen wurde, war warm und in ihm wuchs sie heran, als die Zeit noch immer ruhte. Quinénes behütete ihren Edelstein vor den Blicken Zebadians und versteckte sich fern ihres Hordothrons.
Zebadian verlangte jedoch nach seinem Kind und erneut schrie er in die Welt hinaus, dass die Berge brachen und der Boden bebte. Trestolt erwachte vom Schrei seines Bruders und mit ihm rannte die Zeit wieder einer ungewissen Zukunft entgegen. Ganalad taute aus der ewigen Starre seiner Glieder auf und sah, was geschehen war, dass seine Halbschwester Wirklichkeit geworden war.
Finara ging hinaus und sie konnte Ganalad bald schon klagen hören, denn sie brachte neues Leben nach Noridan und lehrte die Welt sich zu mehren und Generationen zu bilden.
Zebadian sprach: "So wirst du, Ganalad, sie alle dahingehen lassen, wie es dir beliebt und Trestolt wird die Zeit für dich verrinnen lassen, doch immer wieder werden andere kommen und ewig wird Noridan andauern. Das Gesicht der Welt soll sich verändern aber nirgends verschwinden, denn Finara, eine Tochter meines Geschlechts, deine Halbschwester wird dir trotzen."
Daraufhin stieg Zorn im Herzen Ganalads auf und er fiel den Sprössling Thranduils an und biss ihm mit all seiner Kraft in die Schulter. Ein Splitter, wie ihn die Wesen Noridans in sich trugen, grub sich mit dem Biss in den Arm des Gottes.
"So wird die Stärke", fuhr Ganalad die Hordo an. "So wird die Stärke nun schwinden und nicht ewig wird sie halten, denn die Zeit, die immer fortrinnt, treibt sie aufs Meer hinaus. Wird der Körper alt, schwinden die Kräfte und klagend und leidend wird jeder den Tod begrüßen. Die Elverra sind Thranduil, über ihnen steht keine, unserer Mächte, doch alles was den Tieren und Pflanzen auf Erden folgt, soll kranken und schwach werden und am Ende mir in die Arme fallen."
Der linke Arm Zebadians verlor an Kraft, welkte und sank auf den Boden, zu Füßen Ganalads nieder, um sogleich aufzusteigen und zu zerfallen. Aus dem Staub des toten Armes stiegen zwei fauchende graue Wolken auf, die sich zu bekämpfen schienen. Aus dem Biss Ganalads wurde eine neue Untat des Todes geboren und nicht allein war sie gekommen. Chon, der Gott der Krankheit erhob sein nebliges Haupt über alle Sprösslinge Thranduils und ihm folgte im selben Bilde, eingehüllt in Nebel, aber mit Licht getränkt, Vendui, sein Gegenstück, seine Widersacherin, die Göttin der Heilung. Und Vendui stürzte sich auf Chon in großem Getöse und fuhr durch ihn hindurch, dass er auseinander stob und sich verteilte und am Ende floh er aus Roduras und ging hin, nach Noridan und ließ sich über der Neuen Welt nieder. Viele Leben wurden von seinem Missmut und seiner Gier befallen, und Chon trieb übles Wesen. In den kommenden Tagen war er Zuarbeiter Ganalads, der sich an den Taten erfreute, die er nie erahnt hätte. Viele starben unter Chons Zorn. Vendui jedoch folgte den Spuren Chons und trat mit ihren zarten Füßen auf die weiten Ebenen Noridans um zu geben, warum sie gekommen war. Sie lehrte die Elverra Chons Taten zu heilen und die Krankheiten von Tieren und Pflanzen und von sich selber zu schlichten. Vendui schied nach ihrer Tat aus der Welt, denn ihr Wissen war weitergegeben. Sie blickte neugierig auf Noridan und tat nur noch eines. Chon, der einmal Krankheiten mit sich brachte, sollte sich nicht ein zweites Mal wie ein Todesschleier über die Schöpfung legen, denn dann würde trotz Venduis Kraft vieles sterben. So achtete sie darauf, dass Chon fern blieb, wo immer er auf Roduras auch stecken mochte.
Der Gott der Krankheit hatte sich verkrochen und keiner wusste, wohin er gegangen war. Die Hordo vermuteten ihn bei Ganalad, dessen Name auch Yamal war, denn Chon hatte den Namen seines Herrn auf Nordian verbreitet. Yamal hatte tief unten, in seiner Höhle, wo es dunkel war und wo er nach dem Streit der Hordo erneut hin flüchtete, gedacht und sich in Yamalpura, wie er seine Stadt nannte, Yamalsadena, einen schwarzen, großen Palast erbaut. Dort haust der Herr des Todes und sicher auch des Todes Hüter Chon.
Zebadian war erzürnt über Ganalads Taten denn er verlor seinen Arm. Auch wenn Quinénes ihn versuchte zu heilen, verklang vielleicht der Schmerz, aber der Arm des Herrn der Stärke kehrte nie zurück. Von nun an führte er Kisthada mit dem linken Arm und seine wahre Geschicktheit von einst ging verloren.
Trestolt blickte Quinénes nur noch selten an, denn er verstand nicht, warum sie ihn verriet. Trotz seiner Weisheit und seinem großen Geist, herrschte das Leid der Liebe über all seinen Gefühlen und er vereinsamte in den Weiten um Noridan und hütete über die Neue Welt ohne seine Geschwister.
Der Fluch Ganalads und die Schande Chons zogen sich hin, über alles was war und alles was nach ihnen noch kommen würde, denn der Splitter Ganalads war ewig und keiner vermochte, ihn zu zerschlagen. Er steckte in jeder Seele, die auf Noridan lebte, außer die Seele der Elverra. Sie war unberührt. Doch die Elverra beschlich irgendwann ein unausweichliches Verlangen nach Flucht und Heimkehr, dem viele von ihnen nachgingen. Sie zogen, um dem Vergehen der Welt nicht endlos zuzuschauen, nach Norden, wo Roduras auf sie wartete.



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